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Sonntag, 13. Dezember 2015

3. Advent - ein kleiner Weihnachtsgast


Auch diesen Sonntag gibt es eine kleine Adventsgeschichte von uns. Viel Freude beim Lesen!

Ein kleiner Weihnachtsgast

Gestern hat es zu schneien begonnen. Genau einen Tag vor Heiligabend.
Die weißen Flocken haben alles wie in weiche Watte gehüllt. So wirkt die Welt friedlich und schläfrig.
Auch in dem kleinen Wald hinter dem Dorf ist alles still. Nur eine Eule ruft in der Dämmerung.
Die Bäume strecken stumm ihre Äste wie knorrige Arme und Hände in den Himmel hinauf.
Und kein Lebewesen ist zu sehen.
Oder doch?
Ein kleiner Igel reckt schnuppernd sein kalt gefrorenes Näschen empor. Er schaut hier hin, schaut dort hin, und bahnt sich mit seinen kurzen Beinchen mühsam einen Weg durch den Schnee.
Ganz müde und erschöpft sehen seine Augen aus. Sollte der kleine Kerl nicht längst seinen Winterschlaf halten?
Wenn ich doch nur einen Unterschlupf finden würde“, denkt der Igel verzweifelt. „Einen ausgehöhlten Baumstamm oder einen kuscheligen Laubhaufen vielleicht.“
Doch alles ist unter der dicken Schneedecke versteckt, so dass der Kleine nur umher irren kann.
Jetzt fängt auch sein Magen noch an zu knurren!
Wenn er nicht bald etwas zu Essen findet, würde er nicht nur erfrieren, sondern auch verhungern, denkt er. Was soll er bloß tun?
Der kleine Igel hört einen Pfiff in der Ferne gellen, gefolgt von Hundegebell.
Doch das interessiert ihn nicht. Fröstelnd hockt er sich unter einen kahlen Busch und bläst sich die eisigen Pfoten.
Ach, hätte er sich doch bereits vor vier Wochen eingeigelt – so wie die anderen.
Aber nein, er war ja zu neugierig gewesen, wollte noch nicht schlafen, wollte den herbstlichen Wald erkunden und... nun war es wohl zu spät!
Da hört er wieder das Hundegebell. Diesmal klingt es viel näher.
Auch das noch...“ Besorgt blickt sich der kleine Igel um und – eine dicke feuchte Nase schnüffelt ihm entgegen!
Vor Schreck verwandelt sich der Igel in eine stachelige Kugel, an der sich der Hund schmerzhaft piekst. Wütend springt dieser zurück, bellt und knurrt.
Was ist denn los, Theo?“ fragt eine tiefe Menschenstimme.
Sieh mal, Papa, was Theo aufgespürt hat. Einen Igel!“ Ein Junge beugt sich zu dem Tier hinab, dem beinahe das Herz stehen bleibt vor Angst. Vorsichtig berührt eine kleine Hand seine Stacheln.
Der arme Kleine“, sagt der Vater des Jungen mitfühlend. „Hat wohl keinen Schlafplatz für den Winter gefunden. Wenn er hier draußen bleibt, wird er erfrieren.“
Oh nein.“ Der Junge blickt traurig auf den Stachelball. „Können wir ihn nicht mit nach Hause nehmen?“
Anstatt zu antworten schlägt der Mann den Kragen seines Wintermantels hoch und langt in seine Taschen, um die Handschuhe hervor zu holen.
Komm kleiner Kerl“, sagt er und hebt den Igel vorsichtig auf, um ihn in seine tiefe Manteltasche zu stecken. Dort ist es warm und sicher.
Hätte der Kleine nicht solch einen mächtigen Hunger gehabt, wäre er wohl sofort eingeschlafen.
Wo auch immer ich hier bin“, sagt er sich, „hier gefällt es mir. Ob ich gleich etwas Leckeres zu Essen bekommen werde?“ Er denkt an einen saftigen Apfel, einen fetten Wurm, an einen schmackhaft Käfer. Hmmm... Eigentlich ist ihm alles recht, solange es das große Loch in seinem Bauch stopft. Der Kleine schließt die Augen und erinnert sich an die warmen Sommermonate, die jetzt lange her scheinen und während denen er sich immer satt essen konnte, und genießt das leicht Schaukeln.

Der Mann, der Junge und der Hund gehen nach Hause. Der Schnee knirscht unter ihren Schritten, und der Frost beißt ihnen in die Nase – und der kleine Igel in der Tasche träumt vor sich hin.
Doch schon bald greift wieder etwas nach ihm und reißt ihn aus seinem wohligen Nest. Hätte er gekonnt, hätte er lautstark protestiert, doch da hielt er inne.
Wo war er denn hier gelandet?
Die große Hand setzt in auf einen weichen Fußboden. Vor ihm steht eine große Tanne, an der wohl hundert brennende Kerzen wachsen. Anstatt Zapfen trägt sie bunte Kugeln. Und sie duftet so herrlich, dass der kleine Igel wie verzaubert davor stehen bleibt.
Florian und Laura, holt ihm ein Schüsselchen mit Milch und Brötchen, ja?“ spricht die tiefe Stimme hinter dem Igel, und zwei kleine Menschen springen auf und laufen davon.
Was für ein netter kleiner Weihnachtsgast“, sagt eine freundliche Frau. Sie sitzt in einem großen Sessel bei dem Kamin, in dem das Feuer prasselt.
Der kleine Igel reckt wieder sein Näschen. Er tapst umher, schnüffelt und schmatzt, und als ihm kurz darauf ein Napf voll Essen vorgesetzt wird, kann er nicht anders, als sich darauf zu stürzen und alles gierig hinunter zu schlingen.
Tut das gut! Noch nie hatte ihm so etwas einfaches so lecker geschmeckt.
Die Menschen sehen ihm beim Essen zu und lachen. Doch der Igel kümmert sich nicht um sie.
Schon längst hat er den großen bunten Blätterhaufen dort drüben entdeckt, der so einladend aussieht und glitzert. Das müssen wohl Blätter von einem ganz besonderen Baum sein, denkt der Igel und wackelt auf seinen Beinchen darauf zu.
Vorsichtig kriecht er unter das Gewühl aus Geschenkpapier. Er rollt sich ein, sieht noch verschwommen die Kerzen des Weihnachtsbaumes leuchten und schon fallen ihm die Augen zu...
Laura lächelt. „Jetzt hält der kleine Igel im Geschenkpapier Winterschlaf“, sagt sie.
Und alle denken, was für ein schönes Weihnachtsgeschenk es doch ist, den Igel vorm Erfrieren gerettet zu haben.
Frohe Weihnachten“, flüstert Florian ihm noch zu, doch der Igel ist schon längst im Land der Träume.

(c) Sarah Lerche,  2015