Songbirds ... a family blogs!

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Sonntag, 29. November 2015

1. Advent


Ich wünsche euch allen einen schönen 1. Advent
Auch wenn es hier gerade nur regnet, ist es doch kühl genug, um das Feuer anzumachen und gemütlich Stollen zu essen. Jona und Nellie spielen Gesellschaftsspiele und meine Große lernt für einen Englischtest. :-)
Und ich - habe diese alte Kindergeschichte von mir ein bisschen überarbeitet. 

Die Postengel
„Guck mal, es schneit immer noch, Marie. Es schneit und schneit und... Manchmal sehen die Schneeflocken aus, als ob sie tanzen, oder?“ Julia und Marie saßen auf der Küchenbank und drückten sich an der kalten Fensterscheibe die Nase platt.
Es war mitten im Dezember und schon die Hälfte der Türchen des Adventskalenders geöffnet. Die Fenster waren mit bunten Sternen aus Tonpapier dekoriert, die die beiden Mädchen an einem Nachmittag im November ausgeschnitten hatten. Und auf dem Wohnzimmertisch stand der Adventskranz, auf dem inzwischen 2 Kerzen angezündet wurden.
Es war höchste Zeit den Wunschzettel ans Christkind zu schreiben! Deshalb hatten Marie und Julia sich heute eifrig ans Werk gemacht, und Maries Wangen waren beim Malen und Kritzeln (wirklich schreiben konnte sie ja noch nicht) ganz rot geworden – wie die Äpfel, die Mama ihnen zusammen mit Makronen und Zimtsternen auf den Tisch gestellt hatte.
Als Marie wissen wollte, ob sie später die Briefe zur Post bringen würden, hatte Mama den Kopf geschüttelt und erklärt: „Wir legen sie heute Abend auf die Fensterbank. In der Weihnachtszeit fliegen doch die Postengelchen umher und sammeln die Wunschzettel ein.“
Danach hatte sie Julia angesehen und so komisch mit dem Auge gezwinkert.
Marie machte große Augen vor Staunen: „Wirklich, Mama?“
Diese nickte. „Ja, natürlich. Und manchmal hinterlassen sie auch ein kleines Zeichen, dass sie dagewesen sind...“ Mama lächelte geheimnisvoll.
Nun wollten die beiden kleinen Mädchen natürlich unbedingt einen dieser Engel sehen.
Sie flüsterten miteinander als Mama den Raum verlassen hatte.
„Wir könnten sie ja heimlich beobachten“, wisperte Julia verschwörerisch. „Heute Nacht.“
„Heute Nacht?“ hauchte Marie und sah fast ein bisschen ängstlich aus. Sie dachte an das Gespenst, das immer unter ihrem Bett lauerte... Und an das Monster, das manchmal auf dem Flur herum schlich, so dass die Dielen immer mal verdächtig knackten.
„Glaubst du die fliegen bei diesem Schnee?“ gab sie zu bedenken. „Dann werden sie ja ganz nass.“
„Dann zaubern sie sich eben wieder trocken!“ Julia nickte überzeugt. „Der Schnee macht ihnen bestimmt nichts aus.“
„Und wenn sie unsere Wunschzettel vergessen?“ Besorgt blickte Marie auf ihr Briefchen, auf das sie mit viel Sorgfalt Sternchen und eine Briefmarke gemalt hatte. Julia hatte für sie mit krakeliger Handschrift 'an das Christkind' darauf geschrieben.
„Na klar, Mama hat es doch schließlings gesagt.“
Auch Julia hielt ihren Brief noch in der Hand. Sie hatte ihn mit Engeln bemalt, die über das Papier flogen und mit großen Händen Geschenke trugen. Sie konnte schon etwas besser malen als Marie, aber sie war ja auch die ältere von den beiden.
Und natürlich war auch ihre Wunschliste sehr viel länger als Maries.
„Wenn man groß wird, dann braucht man einfach mehr - so ist das“, hatte sie ihre Schwester belehrt und versucht mit großen Buchstaben 'Barbie Prinzessin' zu schreiben.

Nachts schlichen zwei kleine Kreaturen in Nachthemden und mit Wolldecke umschlungen durch die Wohnung. Sie schauten nach ihren Briefen, die immer noch auf der Fensterbank in der Küche lagen. Dann stibitzten sie einige Pfeffernüsse aus der Keksdose und setzten sich, um zu warten.
Sie warteten lange.
Marie baumelte ungeduldig mit den Beinen.
„Meine Füße sind kalt.“
„Pssst!“ Julia legte ihren Zeigefinger an den Mund.
Sie warteten weiter.
Marie gähnte, knabberte an den Pfeffernüssen und gähnte erneut.
„Ich bin müüüde...!“ flüsterte sie. „Vielleicht kommen die Engel heute Nacht ja gar nicht. Vielleicht vergessen sie uns ja.“
Julia seufzte.
„So ein Blödsinn! Letztes Jahr haben sie uns auch nicht vergessen.“
„Aber letztes Jahr habe ich gar keinen Wunschzettel gemalt...“ gab Marie zu bedenken.
„Ja, aber ich! Das Christkind vergisst niemanden.“
Marie überlegte kurz.
„Auch nicht in Afrika?“
Julia schüttelte den Kopf. „Niemanden!“
„Auch nicht bei den Eskimos?“
„Frag nicht so viel!“
Julia trat ans Fenster und spähte in die Dunkelheit. „Oh, ich glaube da kommt etwas!“
Marie sprang vom Stuhl und drängte sich neben ihre Schwester.
Doch es war nur ein Autoscheinwerfer. Drüben bei Frankes Schreibwarenladen kam in Schritttempo ein Wagen um die Ecke gekrochen. Er bahnte sich einen Weg durch den Schnee und verschwand wieder in der Dunkelheit.
Marie und Julia waren ein bisschen enttäuscht.
„Julia, ich muss mal...!“
Als diese gerade über ihre Schwester schimpfen wollte, ging das Licht in der Küche an.
„Mama...?!“ Die beiden Mädchen waren erschrocken zusammen gezuckt und Julias Pfeffernüsse waren auf dem Küchenfußboden gekullert.
„Was macht ihr denn hier, Kinder?“ Mama sah ziemlich müde und verschlafen aus, und auch nicht besonders erfreut. „Ich dachte schon, hier sei ein Einbrecher. Wieso seid ihr nicht im Bett? Es ist mitten in der Nacht!“
„Wir wollten auf die Postengel warten“, erklärte Julia mit Unschuldsmiene, und hoffte Mama würde ihnen nicht böse sein.
„Ach – und ihr denkt, die Engel kommen, wenn hier zwei naseweise kleine Mädchen an der Fensterscheibe hocken?“ Mamas Mundwinkel zuckten, doch sie versuchte, ernst zu bleiben.
„Ab, marsch ins Bett mit euch beiden. Sonst werden eure Wunschzettel vielleicht gar nicht abgeholt. Engel sind sehr geheimnisvolle Wesen und wollen nicht gesehen werden.“
Marie und Julia seufzten enttäuscht, hopsten dann aber von der Küchenbank und liefen in ihr Zimmer. Sie fühlten plötzlich, wie müde sie eigentlich waren und kuschelten sich unter ihre Bettdecke. „Und tropsding, Marie. Die Engel werden uns bestimmt nicht vergessen“, murmelte Julia noch und schon war sie eingeschlafen.
Draußen fiel unaufhörlich der Schnee weiter und deckte die Welt unter sich zu.
Und niemand hörte das leise Kichern, das aus der Küche drang, gefolgt von einem eindringlichen „psssst!“

Am nächsten Morgen schlug Marie verschlafen die Augen auf. Sie hatte etwas geträumt... oder war es Wirklichkeit gewesen? Sie hatte mit Julia in der Küche gehockt, im Dunkeln, mitten in der Nacht, und...
Sie schlug die Bettdecke zurück und lief eilig in die Küche. Die Briefe waren fort – sie waren wirklich fort!
„Die Engel waren da!“ wisperte sie aufgeregt zu sich selbst.
Ihre kleine Hand griff nach dem kleinen Etwas, das auf der Fensterbank lag:
Eine weiße Feder - nein, zwei! - auf denen etwas Goldstaub haftete.
Waren das etwa Engelsfedern?
Schnell lief sie zu ihrer Schwester ins Kinderzimmer.
„Julia, Julia“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
Das Mädchen öffnete die Augen und blickte Marie verwundert an.
„Was... was ist los?“ fragte sie verschlafen.
„Julia, die Postengel waren da. Sieh nur, was sie verloren haben!“
Strahlend hielt Marie ihrer Schwester die Hand hin, so dass sie die Federn sehen konnte.
Julia bekam große Augen, dann grinste sie. „Siehst du, sie haben uns nicht vergessen. Ich hab's ja gleich gesagt. Das Christkind hat alle Kinder gleich lieb.“
Marie nickte eifrig und auf einmal war den beiden ganz weihnachtlich zumute.
Sie legten die Federn neben die Adventskerze auf den Kindertisch, so dass sie sie immer wieder betrachten konnten, und freuten sich auf Heiligabend. 

(c) Sarah Lerche, 2015